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19.11.2017 - 9:44

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Katastrophenschutz-Einsatz Hochwasser

Landkreis Stendal, Sachsen-Anhalt

Am 14.06. klingelte bei den Wipperfürther Wehrleuten gegen 05:00 Uhr das Telefon: Das Land Sachsen-Anhalt hatte Unterstützung aus Nordrhein-Westfalen angefordert. Die Bezirksregierung Köln alarmierte daraufhin die so genannte "Bereitschaft V", bestehend aus Einheiten des Stadt Leverkusen, des Rheinisch-Bergischen-Kreises und des Oberbergischen Kreises. Bestandteil dieser Komponente war auch ein Fahrzeug aus Wipperfürth.

Nachdem die neun Kameraden ihre Taschen gepackt und neben einigem Proviant und Feldbetten auf dem Fahrzeug verladen hatten, brachen sie gegen 08:45 Uhr Richtung Bereitstellungsraum Wiehl-Bomig auf, wo sie sich mit den anderen Einheiten trafen. Dort rückten sie um 12:30 Uhr gemeinsam mit insgesamt 35 Fahrzeugen und 180 Kräften in Richtung Landkreis Stendal aus.

Nach gut 13,5 Stunden Fahrt konnte in der Ortschaft Rhinow eine Turnhalle als Quartier bezogen werden. Auf der Anfahrt musste ein Umweg von rund 100km genommen werden, da die Elbbrücke bei Stendal nicht passierbar war. Kurz nach dem Bezug der Turnhalle, ging man zur Nachtruhe über.

Nach dem Frühstück um 07:30 Uhr gab es erste konkrete Informationen und eine Lageeinweisung: Die Einheiten werden im Gebiet rund um die Stadt Sandau eingesetzt. Die Behörden sagten voraus, dass der Landkreis "von hinten" durch den Rückstau der Havel überflutet würde. So genannte Polderwiesen, die das Hochwasser eigentlich aufnehmen sollten, waren bereits komplett gefüllt. Im weiteren Verlauf wurde klar, dass durch den Deichbruch in Fischbeck letztendlich der gesamte Landkreis, bis auf zwei Gemeinden, komplett überflutet wird und evakuiert werden musste.

Anschließend ging es los, der Verband setzte nach Sandau um. Dies war mit einigem Warten verbunden, da die Lage vor Ort erst erkundet werden musste, ausserdem musste ein Bereitstellungsraum gesucht werden. Dieser fand sich schließlich bei einem Autohaus und wurde von den Fahrzeugen angefahren. Nach rund einer Stunde erhielten die EInheiten den Auftrag, einen Notdamm auf einer Länge von rund 3km auf einer Höhe von 30cm zu errichten, welcher bereits von Anwohnern zum Großteil fertiggestellt wurde. Da nicht genügend Sandsäcke und Transportmöglichkeiten vorhanden waren, entpuppte sich dies als langwierig. Danach sicherten die Kräfte ein Pumpwerk vor dem Wasser. Gegen 21:00 Uhr trat man die Rückfahrt zur Unterkunft an.

Am nächsten Morgen wurde um 8:00 Uhr die Fahrt zurück in den Bereitstellungsraum angetreten. Dort teilte man den Verband auf. Zwei der insgesamt vier Züge bauten den Damm vom Vortag weiter, die anderen Beiden, darunter auch das Wipperfürther Fahrzeug, bauten gemeinsam mit der Bereitschaft IV (Bonn, Rhein-Sieg-Kreis) einen 750m langen und 40cm hohen Damm auf der B 107 zwischen Schönhausen und Scharlibbe. Dieser sollte die Wassermassen kontrollierter ins Land dringen lassen. Für die Kräfte war kaum vorstellbar, dass diese riesigen Flächen bald unter Wasser stehen sollten. Im Anschluss musste ein Schweinemastbetrieb in Scharlibbe gesichert werden. Türen und Tore wurden auf einer Höhe von einem Meter abgedichtet. Wie sich später herausstellte, wurde der Hof komplett geflutet, die Maßnahmen hatten nicht ausgereicht. Nach einem kurzen Abendessen wurden die beiden anderen Züge kurz zur Mahlzeit abgelöst, da diese die Nacht durcharbeiten mussten. Gegen 02:30 Uhr trafen die Kräfte in der Unterkunft ein, nach einer schnellen Dusche ging man rasch zur Ruhe über, um 06:30 Uhr wurde geweckt. 

Am nächsten Morgen wurde der Dammbau der Nacht fortgesetzt, Berechnungen hatten ergeben, dass der Damm, den man ersten Tag errichtet hatte, auf 160cm erhöht werden musste. Damit wollte man erreichen, dass die Stadt Sandau trocken bleibt. Gemeinsam mit Anwohnern wurde bis 22:00 Uhr gearbeitet. Die Einheiten warem am Ende ihrer Kräfte. Als sie Richtung Bereitstellungsraum unterwegs waren, ordnete die Einsatzleitung einen Alarmstart zur Unterkunft an. Die Bundeswehr stellte in Aussicht, dass die Hauptverbindungsstraße in wenigen Minuten weggrissen würde, um dem Wasser mehr Platz zum Ausbreiten zu schaffen. Trotz schnellem Abrücken musste ein Umweg von nochmals 45 Minuten genommen werden, die Bundeswehr hatte bereits mit dem wegreissen begonnen. In der Unterkunft angekommen gab es eine kleine Lagebesprehung, wo in Aussicht gestellt wurde, dass am kommenden Tag eine Ablösung geschickt werde, so dass die Einheiten nach Hause fahren konnten.

Um 06:00 Uhr wurden die Einheiten wieder geweckt, das Quartier wurde geräumt, die Fahrzeuge wieder beladen. Um 08:00 Uhr rückten die Kräfte in den Bereitstellungsraum ab. Eine Teileinheit baute den Damm vom Vortag zu Ende, andere Einheiten stellten in einem Ort Pumpen zur Verfügung, der Großteil verharrte bis zum Abrücken um 17:20 Uhr im Bereitstellungsraum.
Nach 11,5 Stunden Fahrt trafen die Wipperfürther schließlich am frühen Samstagmorgen wieder in Wipperfürth ein.

Die besten Freunde in diesen Tagen: Sonnen- und Insektenschutz. Die Temperaturen hielten sich an allen Tagen zwischen 25 und 30°C, was die Arbeiten zusätzlich erschwerte. Keiner der Kameraden hatte weniger als 10 Mückenstiche und nicht mindestens einmal einen Sonnenbrand.

In einem sind sich alle einig: Das was man dort vorgefunden hat, war unbeschreiblich. Eine zerstörte Infrastruktur, verzweifelte Menschen, unvorstellbare Wassermassen. Fotos und Fernsehberichte können nicht wiedergeben, wie sich die Lage darstellt. Der Verbandführer unserer Einheit beschrieb treffend: "Es ist wie im Krieg." Überwältigend war die Dankbarkeit der Einheimischen. Egal, wo man her fuhr: Die Menschen winkten uns, klatschten. Wir bekamen Kaffee, Kuchen und Brötchen gebracht. Als wir Richtung Heimat abrückten, standen rund 50 Einheimische am Sandsackplatz, ließen alles fallen und verabschiedeten uns. Es war in jeder Hinsicht überwältigend.


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14.06.2013 05:30 Alter: 4 Jahre